Grundsatzerklärung des Netzwerks der Elterninitiativen für Geburtskultur

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Grundsatzerklärung des Netzwerks der Elterninitiativen für Geburtskultur

Auf der Basis der Kasseler Erklärung zur Reform der Geburtskultur
10. Oktober 2015, Ergänzungen 12.3.2016

Unsere Gesellschaft ist existenziell darauf angewiesen, dass Kinder gezeugt, geboren und im Auf­wachsen begleitet werden. Eltern übernehmen für die nächste Generation eine gesellschaftlich herausragende Aufgabe, die Anerkennung und Schutz braucht und verdient – es geht hierbei um die Rechte von Eltern und die Rechte von Kindern.

Gerade auch den werdenden Müttern muss Aufmerksamkeit und Fürsorge gelten, denn lange vor der Geburt ist das Kind abhängig von den Bedingungen, unter denen die Mutter lebt.

Aktuelle Situation

Wir stellen mit großer Sorge fest, dass die Rahmenbedingungen in der Geburtshilfe und Ge­burtsmedizin zu erheblichen Fehlentwicklungen der Geburtskultur insgesamt geführt haben. Diese Entwicklungen gefährden die seelische und körperliche Gesundheit hunderttausender Mütter, Kinder und Familien.

Mit den Sorgen werdender Eltern um ihr Ungeborenes werden Milliardenbeträge erwirtschaftet. Die Grenzen zwischen sinnvoller Vorsorge und Gesundheitsmarkt sind für Eltern meist nicht durchschaubar. 99% der Schwangeren nehmen Testangebote außerhalb der Mutterschaftsricht­linien in Anspruch (Kolip, Schäfers 2015). Durch die Technisierung der Schwangerenbegleitung entsteht eine zunehmende Entfremdung von den natürlichen Prozessen in Schwangerschaft und Geburt. Diese bereitet den Boden für Angst und Unsicherheit und damit für weitere Kontrollun­tersuchungen. Werdende und junge Eltern benennen in der Rückschau von Schwangerschaft und Geburt schrittweise diese Verunsicherung und Ängstigung.

Obwohl 70-80 % der Schwangeren bei Geburtsbeginn laut WHO als gesund einzustufen sind, erleben in Deutschland nur noch 6,7 % der Gebärenden eine Geburt ohne medizinische Eingriffe (Schwarz 2008). Kaiserschnitte bei 31,8 % der Geburten (Destatis 2015) und 6,6 % bzw. 45 345 frühgeborene Kinder (Destatis 2013), eine der höchsten Zahlen im europäischen Vergleich, sind aus Sicht der Elterninitiativen nicht länger zu akzeptieren.

Durch Tests, Klinikroutine, Medikamente und Technikeinsatz erleben Eltern auch unter der Ge­burt häufig Entmündigung und Angst um ihr Kind. Immer mehr Frauen trauen sich, Alleingelas­sensein, Einschüchterung, Entscheidungsdruck und sogar physische und psychische Gewalt im Kreißsaal zu benennen. Für nicht wenige Frauen werden diese interventionsreichen Geburten oder der Kaiserschnitt zum traumatischen Erlebnis mit weitreichenden Folgeproblemen für sich selbst, das Kind, den Partner und die gesamte Familie (vgl. Oblasser 2008; Mundlos 2015).

Eine weitere Fehlentwicklung ist die Bedrohung des Berufsstandes der Hebammen. Durch unge­löste Arbeits- und Versicherungsbedingungen ist die wirtschaftliche Existenz vieler Hebammen nachhaltig gefährdet. Hebammen werden zur Aufgabe ihrer Tätigkeit gezwungen, was bereits jetzt zu einer spürbaren Unterversorgung mit Hebammenleistungen in vielen Regionen und Städten führt (Albrecht et al. 2012). Das Menschenrecht der Mutter, den Geburtsort ihres Kindes frei zu wählen, ist in vielen Regionen Deutschlands aktuell nicht mehr gegeben.

Forderungen der Elterninitiativen
Eltern wollen die anhaltende Verschlechterung der psychosozialen und gesundheitlichen Rah­menbedingungen bei der Erwartung und Geburt eines Kindes nicht länger hinnehmen. Vor die­sem Hintergrund fordern sie eine grundlegende Reform der geburtshilflichen Rahmenbedin­gungen.

Eltern fordern ein Mandat, um bei der Gestaltung der sie betreffenden, geburtskulturellen Rah­menbedingungen in Schwangerschaft, Geburtshilfe/-medizin, Wochenbett und Stillzeit mitwirken zu können. Sie sind willens mitzuarbeiten, um strukturelle Fehlentwicklungen zu korrigieren. Sie stützen sich dabei auf die 1985 von der WHO verabschiedeten Empfehlungen.

  1. Eltern fordern Transparenz zur Unterscheidung zwischen einer Vorsorge, die an den individuel­len Bedürfnissen orientiert ist und den Interessen eines wirtschafts-orientierten Gesundheits­marktes. Außerdem fordern sie ein Informationsgebot über die gleichberechtigte Vorsorge­möglichkeit durch Hebammen.
  2. Sie fordern, dass auch im klinischen Umfeld der Individualität und Selbstbestimmung der Ge­bärenden Rechnung getragen wird. Eltern treten für die Förderung der physiologischen Geburt und konkrete Maßnahmen zur Senkung der Kaiserschnittrate ein. Die Abschaffung invasiver Rou­tinemaßnahmen und die konsequente Eins-zu-Eins-Betreuung jeder Gebärenden durch eine Hebamme sind zentrale Forderungen zur Verbesserung der klinischen Geburtshilfe.
  3. Eltern fordern die stärkende Begleitung durch freiberuflich und geburtshilflich tätige Hebam­men in allen Phasen des Elternwerdens.
  4. Sie fordern, dass neben der Hausgeburtshilfe die von Hebammen aufgebauten und am Bedarf von Eltern orientierten Strukturen zur Geburtshilfe, wie Geburtshäuser, Hebammenkreißsäle, Heb­ammenpraxen ausgebaut, finanziell abgesichert und angemessen vergütet werden.
  5. Eltern fordern die gesellschaftliche Anerkennung einer notwendigen Unterstützung von Frauen/Paaren in der Familiengründungsphase. Eine psychosoziale Unterstützung durch familiennahe Dienstleistungen vor, während und nach der Geburt ist unerlässlich. Die Notwendigkeit besteht, weil insbesondere in Städten nur noch selten eine familiäre Flankierung möglich ist und bei der Begleitung und Versorgung junger Mütter eine Lücke klafft.
  6. Eltern sehen eine staatliche Mitverantwortung zur Regelung wohnortnaher Versorgung.

Quellen
Albrecht, M., Loos, S., Sander, M., Schliwen, A., Wolfschütz, A. (2012). Versorgungs- und Vergütungssituation in der außerklinischen Hebammenhilfe. Ergebnisbericht für das Bundesministerium für Gesundheit. Berlin, IGES Institut GmbH. http://www.iges.de/sites/iges.de/myzms/content/e6666/e6694/e6705/e6708/infoboxContent67lO/IGES_lnstitut_Gutachten_zur_ Versorgungs_ und_ Verg uetu ngssituation_ in_ der _a usserklinischen_Heba mmenh ilfe_2012_ger .pdf
Appropriate Technology for Birth der Weltgesundheitsorganisation.
WHO Regional Office for Europa, 8 Scherfigovej, Kopenhagen, Dänemark 1985
Destatis (2013). Sondertabelle.
https://www.destatis.de/D E/Pu blikationen/Thematisch/Bevoelkeru ng/Bevoelkeru ng sbewegu ng/Bevoelkeru ngsbeweg u ng.htm l? nn=71252
Destatis (2015). Pressemitteilung Nr.338 vom 14.09.2015. Mehr Krankenhausentbindungen 2014 bei gleicher
Kaiserschnittrate. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilu ngen/2015/09/P D 15 _338 _2 31. htm l
Kolip, P., Schäfers. R. (2015). Zusatzangebote in der Schwangerschaft: Sichere Rundumversorgung oder Geschäft mit der Unsicherheit? Gesundheitsmonitor der Bertelsmann-Stiftung 03/15. https://www.bertelsmannstiftung.de/fileadmin/
files/Projekte/17 _Gesund heitsmonitor/Newsletter _ Ueberversorgu ng_in_der _Schwangerschaft_20150727.pdf
Mundlos, Ch. (2015). Gewalt unter der Geburt: Der alltägliche Skandal. Tectum Verlag Marburg.
Oblasser, C., Ebner, U., Wesp, G. (2008). Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht. Edition riedenburg.
Schwarz, C. (2008). Entwicklung der geburtshilflichen Versorgung – am Beispiel geburtshilflicher Interventionsraten
1984-1999 in Niedersachsen. Dissertation, TU Berlin. https://opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/files/1946/schwarz_clarissa.pdf

 

Das Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur setzt sich für die Umsetzung der oben genannten Forderungen ein. Die Unterzeichnenden schließen sich den Forderungen an.

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